Zum Schwerpunktthema SS 2014 „Die psychoanalytische Klinik

Die Psychoanalyse entstand im Umfeld der Medizin und Psychiatrie. Nach anfänglichen Gemeinsamkeiten trennten sich die Wege beider Disziplinen weitgehend, sowohl hinsichtlich der Diagnostik als auch der Behandlung von psychischen Krankheiten.

Die aktuellen globalen psychiatrischen Klassifikations-systeme wie das DSM-V und die ICD-10 gehen von einzeln aufgelisteten Symptomen aus, welche wiederum in unzählige Störungsgruppen eingeteilt werden. Diese wiederum korrelieren mit den von Krankenkassen anerkannten therapeutischen Techniken und Pharmazeutika für jede dieser Störungen. Diese Diagnosesysteme haben den Anspruch, frei von ätiologischen Vorannahmen und rein deskriptiv zu sein. Die Nomenklatur dieser Klassifikationssysteme hat sich in den Kliniken durchgesetzt, sie stellen gleichsam eine Brille dar, durch welche die Kliniker schauen. Dies hat weitreichende Folgen: Was nicht Teil dieses Ansatzes ist, wird leicht übersehen bzw. überhört. So ist z.B. der Begriff der Neurose nicht nur aus der ICD-10 verschwunden, sondern auch aus dem Bewusstsein vieler junger Kliniker. Die Psychoanalyse geht, im Gegensatz zur Psychiatrie, nicht symptomorientiert vor, sondern sie stellt den zugrunde liegenden unbewussten Konflikt ins Zentrum. Symptome sind für die psychoanalytische Klinik Manifestationen eines Diskurses des Unbewussten und rückführbar auf einige wenige Strukturen: Neurose, Psychose und Perversion.

Bei der Behandlung von psychischen Krankheiten sind das Sprechen und Hören entscheidend für die psychoanalytische Klinik. Worin unterscheiden sie sich vom Sprechen und Hören im Alltag  und von den Heilberufen? Neben dem Inhalt der Rede des Analysanten interessieren uns auch deren Form und die Art des Sprechens. Ist seine Rede lebhaft oder karg? Spricht er ohne Punkt und Komma oder bricht der Redefluss immer wieder ab? Hört er einen Witz oder eine Zweideutigkeit? Wie bezieht er sich auf den Analytiker?

Das Subjekt weiss nicht, was es da sagt; es sagt nicht das, was es zu sagen beabsichtigt. Im Sprechen des Subjekts interveniert ständig eine verdrängte, unbewusste Wahrheit, die sich sagen will und die gleichzeitig unterdrückt wird. Die Analyse soll dem Subjekt dazu verhelfen, diese unbewusste Wahrheit anzuerkennen und seinem eigenen Begehren folgen zu können.