Zum Programm des Wintersemesters 2010/11: „Der orale Trieb“

Das Lacan-Seminar stellt im kommenden Wintersemester wieder einmal ein Thema in den Mittelpunkt: den oralen Trieb. Er umfasst sowohl das, was Freud mit Nahrungstrieb als auch das, was Lacan mit pulsion invocante/Anrufungstrieb bezeichnete. Im Zentrum steht die erogene Zone des Mundes; das eine Mal ist er aufnehmendes Organ, das andere Mal ausstossendes. Dabei darf die Asymmetrie nicht übersehen werden, denn die Register des Symbolischen, des Imaginären und des Realen sind nicht zu gleichen Teilen in ihnen wirksam.

Ist die Stimme in den letzten Semestern in unseren Kreisen wiederholt thematisiert worden, so gilt dasselbe nicht für den oralen Trieb im Sinne der Nahrungsaufnahme. Auch er verdient unsere Beachtung, denn seine pathologischen Formen, Anorexie und Bulimie, spielen in der psychoanalytischen Klinik ebenso eine Rolle wie diejenigen der Stimme.

Auch der Zusammenhang der Oralität mit den Formen der Identifizierung ist bedeutsam. So führt Freud (in Massenpsychologie und Ich-Analyse) die erste Form der Identifizierung auf den oralen Trieb zurück; er gibt damit einen Hinweis, dass dieser besonders eng mit der Frage nach dem Sein verknüpft ist, während den anderen Trieben eher ein Bezug zum Haben innewohnt.

Von den Veranstaltungen, die im Rahmen des Lacan-Seminars in diesem Wintersemester stattfinden, sind deren drei explizit auf das Thema des oralen Triebs bezogen: ein Seminar mit Dieter Sträuli, ein weiteres mit dem Strassburger Analytiker Marc Lévy, ein Vortrag der Hamburger Literaturwissenschaftlerin Marianne Schuller. Ob das Thema im Sommersemester 2011 fortgesetzt wird, ist zur Zeit der Planung des Wintersemesters noch offen, hängt wohl auch vom Verlauf dieser Veranstaltungen und von ihrem Zuspruch ab.

Zürich, im August 2010                                   Der Vorstand

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Als Einstimmung auf Vortrag „Mundlust. Zum Oralen in der Literatur“ Marianne Schuller vom 10.12.:

Vortrag „Das Komische und das Gesetz. Nach Kleists Lustspiel Der zerbrochne Krug“ den Marianne Schuller vergangenen März in Karlsruhe gehalten hat.