Schwerpunkt Sommersemester 2020: Psychoanalyse <> Pädagogik

Im Sommersemester 2020 werden wir uns mit der Frage beschäftigen, ob und wie eine psychoanalytische Pädagogik möglich ist. Da Erziehen wie auch Analysieren gemäss Freud (1937c) zu den unmöglichen Berufen zählen, wäre eine realisierte psychoanalytische Pädagogik eine doppelte Unmöglichkeit. Für Millot (1982) ist es beispielsweise ein blosses Missverständnis, die Psychoanalyse auf die Pädagogik anzuwenden.

Und dennoch gibt es Analytiker, gibt es Pädagogen, welche – jenseits der Couch – versuchen, die Psychoanalyse auf die Pädagogik zu übertragen. Freud selbst bezeichnet «die Anwendung der Psychoanalyse auf die Pädagogik» als «vielleicht das Wichtigste von allem, was die Analyse betreibt» (Freud 1932). Gleichwohl gilt es, im Feld der Erziehung zwischen «der Scylla des Gewährenlassens und der Charybdis des Versagens» (Freud 1993a) hindurch zu navigieren. Institutionen der psychoanalytischen Pädagogik, welche dieses Wagnis auf sich genommen haben, sind zum Beispiel das Maison Verte in Paris, welches von Dolto mitbegründet wurde, die École Expérimentale de Bonneuil von der Gruppe um Mannoni sowie die Wohngruppe Hagenwört des Vereins für Psychoanalytische Sozialarbeit e.V. in Rottenburg.

In diesem Semester werden ausgewiesene Expertinnen und Experten als Gastdozierende am Lacan Seminar Zürich aus ihrer eigenen Tätigkeit als Forschende und Praktiker im Feld von Psychoanalyse und Pädagogik berichten. Frau Maier-Höfer wird über Theorie und Praxis der gesprengten Institution referieren und uns einen Einblick in die École Expérimentale de Bonneuil von Mannoni geben. Jean Marie Weber wird in seinem Vortrag über Lacan im Klassenzimmer berichten, genauer wird er uns über das Symptom des Schulabbruchs berichten – ein Anlass über das Begehren der Lehrenden nachzudenken. Im Seminar wird er die filmischen Inszenierungen des Lehrens und Lernens analytisch deuten. Martin Feuling wird in seinem Vortrag die Anwendung von Lacans Theoremen in der Psychoanalytischen Sozialarbeit, veranschaulicht anhand von Fallvignetten, verdeutlichen. Dagmar Ambass und Robert Langnickel werden in ihrem Vortrag und Seminar eine Einführung in eine mögliche Pädagogik des gespaltenen Subjekts geben und dabei deren Konzepte, Grenzen, Möglichkeiten erläutern und hierzu auch den historischen Kontext einbeziehen. Robert Langnickel wird in einem weiteren Vortrag das Maison Verte als Ort des Sprechens vorstellen und eine Einführung in grundlegende Konzepte von Dolto geben. Kathryn Buhr und Derek Stierli werden die Fallgeschichte des kleinen Hans, in der auch Fragen der Erziehung thematisiert werden, in einem Lektürekurs gemeinsam erarbeiten.

Bei den Veranstaltungen ausserhalb des Semesterthemas sei insbesondere auf den Vortrag und das Seminar von Peter Widmer hingewiesen, in welchen er im Feld des Aggressionstriebs die nicht-libidinöse menschliche Destruktivität diskutieren wird.