Thema Sommersemester 2017

Psychoanalyse und Ethik

Gibt es einen verbindlichen moralischen Maßstab für die psychoanalytische Praxis? – Nein. Gibt es eine Ethik der Psychoanalyse. – Ja. Die Ethik der Psychoanalyse folgt keinen „fremden, paradoxen, grausamen Imperativen“ (Sem VII/14) eines gesellschaftlich wohlangepassten Über-Ichs, sondern die Psychoanalyse impliziert eine subversive Ethik. Eine Ethik, durch die das Subjekt Zugang finden soll zu seinem eigenen Begehren.
War es Freud, der das Begehren wieder zu „höchster Gunst gebracht“ (Sem VII/9) hat, entwickelte sich die Psychoanalyse im postfreudianischen Zeitalter zu einer Profession mit fragwürdigen moralischen Idealen. Die Psychoanalyse wurde immer mehr und mehr zu einem Erziehungsunternehmen mit normativen Zielen. Lacan indes unternahm eine Revision der Ethik der Psychoanalyse und entwarf eine Ethik des Begehrens eines singulären Subjekts.
Als Referenzbogen seiner Auseinandersetzung dienen Lacan zum einen die drei grossen philosophischen Ethiken: die Tugendethik, der Konsequentialismus und die Deontologie.
Aristoteles propagiert die Idee eines höchsten Gutes und differenziert hierbei verschiedene Arten der Lust, wobei die sublimste Form der Lust, das Denken um des Denkens willen, sich zugleich auch als die erstrebenswerteste Form erweist.
Der Konsequentialismus in Form des Utilitarismus stellt ebenfalls die Lust in das Zentrum der Analyse, wobei die Lust bei Bentham rein quantitativ aufgefasst wird und somit ohne jeden metaphysischen Überbau auskommt.
Beschränkt sich Freuds Auseinandersetzung mit Kants Moralphilosophie im Wesentlichen darauf, den kategorischen Imperativ als Erbe des Ödipuskomplexes zu denken, betont Lacan, wie durch Kant eine Ablösung vom Hedonismus in der Geschichte der Ethik erfolgte und an die Stelle der Lust die Pflicht trat. Zwischen eben diesen beiden Polen der bisherigen Ethiken, der Skylla des Lustprinzips und der Charybdis des Realitäts-prinzips muss Lacan seine Ethik der Psychoanalyse situieren.
Zum anderen diskutiert Lacan das Verhältnis von Begehren, Gesetz, Tod und dem Unbewussten anhand der Tragödie Antigone des Sophokles.
In diesem Semester wird das LSZ zum einen einige klassische moralphilosophische Positionen einer Relektüre unterziehen und zum anderen ethische Fragen anhand von (antiken) Tragödien und anderen Kunstformen, wie der unmöglichen Tätigkeit des Übersetzens, problematisieren.
Ausgehend von der Annahme, dass die Tragödie eine „Erfahrung [ist], die uns Analytikern zu eigen ist“ (Sem VII/293), wird uns ein besonderes tragisches Subjekt, Donald Trump, exemplarisch für eine Study group zur Verfügung stehen.

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